Wie auch jedes andere Dorf versank auch Littlewerder im Schnee. Doch das machte den wackeren Gesellen des örtlichen Schützenvereins überhaupt nichts. Für diesen Sonntag war der traditionelle Kohlgang durchs Dorf geplant und diesen hätte selbst der 3. Weltkrieg nicht verhindern können. Kohlgang, Kohlessen und dieser Sonntag im Januar gehörten so fest zusammen wie Langemeiers Angelika, geborene Hüntelmann und ihr Mann Reinhold. Oder vielleicht auch nicht.
Angelika war immer noch sehr betrübt, dass Reinhold ihr am vergangenen Sonntag nicht die wahre Liebe gestehen konnte und sich stattdessen mehr über seinen ausgedehnten Rülpser freute. Und aufgrund dieser Tatsache, war sie ganz froh darüber, dass Reinhold an just diesem Sonntag die heimischen Gefilde verlassen würde um sich mit seinen Schützenbrüdern gepflegt einen in die Rüstung zu knistern. Dann nämlich hatte sie genügend Zeit, ihre sieben Sachen zu packen und nach China abzuhauen. Sie liebte New York und träumte davon dort einen reichen Börsenmakler zu heiraten und dann endlich die Traumkarriere in Hollywood zu starten…
Unterdessen versammelten sich die ersten Schützen vor der Schießhalle. Der Schnee fiel vom Himmel herab, als würde es kein morgen geben. Auch Reinhold kam beim gemeinsamen Treffpunkt an und begrüßte die Anwesenden Schützenbrüder mit einem schwungvollen „Gut Schuss Kameraden.“ Es dauerte nicht lange und Reinhold genoss den ersten Schluck des kalten Bieres, der langsam seine Kehle hinunter lief.
Es war mittlerweile 14:00 Uhr geworden. Alle Schützen hatten sich versammelt und der Bollerwagen mit reichlich Alkohol bestückt setzte sich in Bewegung. Die Schützen liefen wie eine Horde Schafe hinterher.
„Sach mal Reinhold,“ begann Klötenmeiers Erwin ein Gespräch.
„Sach mal, haste das gehört von Rübenwalders? Der Ewald, der soll seine Frau vertrimmt haben.“
„Nee, is nich wahr,“ entgegnete Reinhold.
„Doch, Doch. Die Alde soll ihn immer mit so Liebe und son Quatsch aufn Sack gegangen sein un da hadda ihr erstmal einen mitte Latte übern Brägen geschoben.“
„Gibs ja nich.“
„Doch, doch. Soweit is das schon mitte Frauen. Die reizen die Männers so mitte Liebe, dat die Liebe sich in pure Aggression umwandeln tut. Muss doch nich sein.“
„Mensch Erwin, Du kanns doch nich die Froilürs die Schuld für sowas geben. Der Ewald ist doch der Horst.“
„Nee, der Ewald is schon der Ewald. Vonnen Horst hab ich ja garnix gesacht. Der hat da nix mit zu tun. Aber recht hasse schon. Sowat macht man nich. Man schlägt keine Frauen. Niemals. Auch wenn see einen mit de Liebe so aufn Sack gehn tun. Macht man nicht. Hasse recht, war dumm gewesen. Von mir jetzt.“
Langsam schlängelte sich der grüne Umzug durch den Teil der Samtgemeinde, welcher sich Littlewerder nannte. Das Bier floss in Strömen und wurde nur von den Kurzen unterbrochen, welche sich traditionell an allen Kreuzungen, Weggabelungen, Grenzsteinen und Hofeinfahrten einverleibt wurden.
„Gug dir dat mal an Reinhold. Ham die nich am hellichten Tach die Jalousie unten? Wenn dat mal kein Indiz für ein Verbrechen is, wa?“ Nachdenklich kratzte sich Klötenmeiers Erwin an der Stirn. „Da is doch bestimmt wat in Busch. Wohnen da nich diese Zugezogenen? Irgendwat mit Ski am Ende? Die kommen doch da hinten aus der Ski-Siedlung. Oh mein Gott, ich mach da nich drüber nachdenken, wat sich da jetzt wohl für Dramen hinter der Jalousie abspielen. Komm mal mit Reinhold, dat müssen wir uns genauer anschauen. Nich dat da wat passiert. Präventiation, heißt das. Müssen wir machen.“
Noch bevor Reinhold etwas sagen konnte, schlich sich Erwin so gekonnt und unauffällig, wie man als rabendudeldichter Schützenbruder nur sein kann, an den Ort des vermeintlichen Verbrechens. „Hey komm mal her Reinhold. Dat is verdächtig. Dat muss du dir mal anhörn. Man hört nix“, rief Erwin herüber. „Sei aber leise wenn du kommen tust, sonst können die uns hörn.“ Reinhold fasste sich an den Kopf. So doof konnte doch kein Mensch sein. „Wat is nu? Kommste? Wenn hier nun ein Mord passiert?“
Just in jenem Moment, in dem das Wort „Mord“ fiel, öffneten sich die Jalousien. Ein verschlafen aussehender Mann öffnete das Fenster. „Was machen Sie denn bitte schön in meinem Vorgarten?“
„Kommen sie mich mal nich so“, entgegnete Erwin dem Mann im Haus. „Sie machen sich ganz schön verdächtig, hier so annen hellichten Tach mit die dichten Scheiben.“
„Sie sind ja betrunken…“ Mit forschem Ton unterbrach Klötenmeiers Erwin den mutmaßlichen Täter. „Ob das hier wohl überhaupt nix zu Sache tut. Sie sind ein Verbrecher, das glaube ich ganz fest!“
Der Schützenzug war unterdessen, ungeachtet der Dinge die sich in jenem Vorgarten abspielten, weitergezogen. Nur Reinhold schaute sich das Schauspiel am Tatort an.
„Eine Frechheit,“ sagte der Mann am Fenster. „Ich hatte Nachtschicht und versuche zu schlafen. Das ist mein gutes Recht. Ich werde nun die Polizei anrufen.“
„Dat mach Du man ruhich. Dat is nämlich mein Schwager. Der is mit unsere Helmine verheiratet. Dat is nämlich meine Schwester. Denn würd dat auch wohl interessieren tun, wat Du hier so treibst, in deine dunkle Bude, Du, du…“
Der Mann schloss, ohne noch ein Wort zu verlieren, das Fenster. Erwin stand immer noch im Vorgarten des Mannes, schluckte an seinem Bier und versuchte krampfhaft irgendetwas durch die Scheiben zu erahnen. Während dessen schaute sich Reinhold um. Von seinen Schützenkameraden war weit und breit nichts mehr zu sehen…
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Foto: Flickr / Stephi 2006






Oh man der Reinhold Rüdiger erlebt da Sachen. Ich mag gar nicht bis nächsten Sonntag warten!!!! *Spannung*
Tja, da wirst Du wohl warten müssen…
Sehr gut,Schreib n Buch drüber und ich werd es kaufen………….
Sehr geil, kann ich nächstes Mal auch mal mit Euch auf Grünkohlwanderung?